Interview: "Die Grenzen in der Selbsthilfe sind dynamisch und überwindbar."

Chris Branß

Chris Branß, Koordinator der Landesstelle für Selbsthilfe Sachsen (LAKOS Sachsen), erklärt im Interview, was das neu geschaffene Projekt in den letzten zwei Jahren in der Selbsthilfe ins Rollen gebracht hat.

Warum gibt es die LAKOS Sachsen und was macht Ihr?

Chris Branß: Die Idee einer Landeskontaktstelle Selbsthilfe Sachsen (LAKOS Sachsen) ist ursprünglich auf die Landesarbeitsgemeinschaft der Selbsthilfekontaktstellen (LAG SKS) zurückzuführen. Die LAG SKS ist ein freiwilliger Zusammenschluss der regionalen Selbsthilfekontaktstellen in Sachsen, die viele Jahre die Initiierung einer landesweit agierenden Einrichtung zur Selbsthilfeunterstützung angestrebt hat. Mitte 2019 war es dann soweit und die LAKOS Sachsen wurde gegründet, gefördert durch das Sächsische Sozialministerium und die GKV-kassenartenübergreifende Pauschalförderung Selbsthilfe Sachsen.

Seitdem nehmen wir als LAKOS Sachsen verschiedene Aufgaben wahr. Zum einen sind wir Schnittstelle zwischen engagierten Menschen, Betroffenen, Selbsthilfegruppen und -organisationen, den regionalen Selbsthilfekontaktstellen, Dachverbänden, Politik und Verwaltung. Damit wollen wir einen Beitrag zur Unterstützung und Stärkung der Selbsthilfeaktivitäten im Freistaat Sachsen sowie zur überregionalen Vernetzung leisten, aber auch grundsätzlich zur gemeinschaftlichen Selbsthilfe anregen. Zugleich sind wir zum anderen auch die Interessenvertretung der regionalen Selbsthilfekontaktstellen und mit diesen auf Basis einer Kooperationsvereinbarung weiterhin sehr eng verbunden sowie im ständigen Fachaustausch.

Was sind die Grenzen Ihrer Arbeit?

Chris Branß: Das ist eine interessante Frage. Natürlich kommen wir bei unserer Arbeit immer wieder an Grenzen, sei es durch fehlende finanzielle Ressourcen oder limitierte Möglichkeiten des eigenen Wirkens. Wir sind ein Zwei-Personen-Team, das viele und mitunter sehr komplexe Aufgaben wahrnimmt oder Prozesse begleitet. Hier fällt man schnell über Stolpersteine. Manchmal müssen Aufgaben oder Themen leider warten, obwohl sie genauso wichtig sind wie alle anderen Bereiche, die uns begegnen. Dann sind wir gezwungen, Prioritäten zu setzen. Das ist sehr schade, mitunter aber unumgänglich.

Natürlich spielt auch der finanzielle Rahmen eine Rolle. Sicherlich kann man mit viel Finanzkraft einige Dinge schnell und gut erledigen. Allerdings ist das im sozialen Bereich, der häufig an Fördermittel gebunden ist, etwas schwieriger als in anderen Tätigkeits- oder Wirtschaftsfeldern.

Ich betrachte aber all die Grenzen, die uns in der täglichen Arbeit begegnen, als dynamisch und überwindbar. Einige Herausforderungen benötigen etwas mehr Zeit zur Bewältigung. Für andere braucht es Umwege oder eine Extrarunde. Das gehört dazu. Im Kern geht es uns jedenfalls immer um das große Ganze: die Stärkung der gemeinschaftlichen Selbsthilfe im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten. Und zwar gemeinsam mit allen Selbsthilfe-Akteur*innen.

Was macht Ihnen bei Ihrer Arbeit am meisten Spaß?

Chris Branß: Das tägliche Lernen! Die Selbsthilfe ist so vielfältig, divers und spannend, dass man jeden Tag aufs Neue etwas dazulernen kann. Dazu gehört allerdings auch, dass man zunächst viel Erfahrung sammeln und sich Wissen aneignen muss. Denn das Fachliche zur Selbsthilfe lernt man in den seltensten Fällen während des Studiums oder der Ausbildung. Das meiste davon kommt vielmehr durch die Praxis, durch das Kennenlernen der Betroffenen, der Engagierten, der Verbände, der vielen Netzwerke oder der Unterstützungsstrukturen. Hier den Überblick zu bewahren, ist manchmal gar nicht so einfach, aber man bringt jeden Tag wieder etwas mehr Licht ins eigene Dunkel.

Die LAKOS Sachsen gibt es seit Juni 2019. Was ist in dieser Zeit ihr größter Erfolg gewesen?

Chris Branß: Unsere Arbeit haben wir ja erst ein paar Monate später am 01. Septemberaufnehmen können. Trotzdem ist es gar nicht so leicht, den einen größten Erfolg zu benennen. Auch wenn es uns nun schon zwei Jahre gibt, sind wir immer noch ein sehr junges Projekt und viele geplante Vorhaben konnten pandemiebedingt nicht durchgeführt werden.

Unser Fokus hat sich daher spontan verschieben müssen. Dennoch gibt es den einen oder anderen kleineren Erfolg zu verzeichnen. Zuletzt haben wir ein sehr schönes und produktives Netzwerktreffen der sächsischen und thüringischen Selbsthilfekontaktstellen durchgeführt – in Präsenz! Dabei konnten wir unser Netzwerk bis in die Schweiz und nach Südtirol erweitern - sehr spannend. Das soll in den nächsten Jahren gefestigt werden, denn der berühmte Blick über den Tellerrand kann für alle nur ein Gewinn sein.

Zudem entwickelt sich der Bereich der jungen Selbsthilfe in Sachsen fortlaufend. Hier haben wir gemeinsam mit engagierten Selbsthilfe-Aktiven einen Digital-Stammtisch initiiert, bald wird dazu auch ein Selbstverständnis der Gruppe veröffentlicht. Und schließlich haben wir zusammen mit den regionalen Selbsthilfekontaktstellen Arbeitskreise gebildet, aus denen heraus einige interessante Projekte entstehen. Da möchte ich aber nicht allzu viel vorwegnehmen. Zusammengenommen entsteht hier insgesamt etwas, was uns positiv in die Zukunft der Selbsthilfe und der Selbsthilfeunterstützung blicken lässt. Allein das ist ein Erfolg.

Herr Branß, herzlichen Dank für das Interview!


Das Interview führte Carolin Schulz.


Kontakt:

LAKOS Sachsen - Landeskontaktstelle Selbsthilfe

Königsbrücker Straße 28/30
01099 Dresden

Tel.: (0351) 8 10 776 39
Mail: lakos@selbsthilfe-sachsen.de
Web: www.selbsthilfe-sachsen.de