Interview: Digital statt analog – Zu digitalen “Werkzeugen“ in der Selbsthilfe

Mehrere Gesichter von Menschen versammelt um eine Schrifttafel mit der Aufschrift: Digitale "Werkzeuge" in der Selbsthilfe.

Kontaktbeschränkungen erschweren die direkte Kommunikation untereinander. Um trotzdem miteinander in Austausch treten zu können, hält das Internet verschiedene digitale “Werkzeuge“ zur Kontaktaufnahme bereit. Erfahren Sie in unserem Interview, welche Anwendungsprogramme für die Selbsthilfe geeignet sind.

Die Corona-Krise hat auch den Bereich der Selbsthilfe hart getroffen: Versammelten sich die Teilnehmenden noch vor der Pandemie persönlich in Gruppen vor Ort, fanden Treffen aufgrund von Kontaktbeschränkungen zeitweise nur noch online statt.

Für den Wechsel von analogen zu digitalen Selbsthilfegruppentreffen bietet das Internet eine Vielzahl von “Werkzeugen“ an. Im Rahmen unserer Workshop-Reihe zum Thema „Digitalisierung“ haben wir Diplom-Soziologen Sascha Dinse gefragt, welche Anwendungsprogramme für die Selbsthilfe nützlich sind.

In Ihrer aktuellen Workshop-Reihe zum Thema digitale “Werkzeuge“ haben Sie die Konferenzsoftware „Zoom“ vorgestellt und besprochen.

 

Welche zusätzlichen “Werkzeuge“ empfehlen Sie Aktiven in der Selbsthilfe bei der Planung sowie Durchführung von Selbsthilfegruppentreffen und warum?

Sascha Dinse: Je nach Einsatzzweck stehen eine Reihe von Werkzeugen zur Auswahl: Für Ideensammlungen und Projektplanungen lassen sich digitale “Werkzeuge“ wie „MeisterTask“ oder „Trello“ verwenden. Beide funktionieren in einer kostenlosen Version, allerdings sollte darauf geachtet werden, keine personenbezogenen Daten von Dritten zu verarbeiten.

In puncto Umfragen bietet sich stattdessen die Echtzeit-Feedback-Anwendung „Mentimeter“ an, welche ebenfalls als kostenlose Version verfügbar ist: Hierbei stehen mehrere Möglichkeiten für Abstimmungen zur Verfügung. Zusätzlich werden die Ergebnisse grafisch aufbereitet und eignen sich dadurch für Live-Umfragen bei Videokonferenzen.

 

Worin sehen Sie Vor- und Nachteile digitaler “Werkzeuge“ für den Bereich der Selbsthilfe?

Sascha Dinse: Die Vorteile liegen auf der Hand: dezentrale Absprachen, Cloud-Speicherung für eine zusätzliche Datensicherung, und das alles schnell und kostengünstig.

Die Nachteile dürfen jedoch nicht außer Acht gelassen werden: Cloud-basierte Werkzeuge erfordern eine stabile Internetverbindung und ein Mindestmaß an Medienkompetenz vonseiten der Nutzer*innen. Obendrein setzen solche Anwendungen in vielen Fällen eine Anmeldung und somit eine Übertragung von Daten voraus.

Hinsichtlich der Barrierefreiheit existieren leider keine übergreifenden Standards bei Cloud-Werkzeugen. Hier muss individuell geprüft werden, inwiefern solche Programme für Menschen mit Beeinträchtigungen effizient nutzbar sind.

Außerdem sollte bei Konferenz-Softwares unbedingt im Vorfeld geprüft werden, ob diese der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) entsprechend ein angemessenes Datenschutzniveau garantieren können (Serverstandort EU oder Deutschland, Ende-zu-Ende-Verschlüsselung).

Alternativ kann auf Konferenzlösungen wie „BigBlueButton“ oder „Jitsi“ zurückgegriffen werden, bei denen man die Dateihoheit selbst besitzt.

 

Welche digitalen Entwicklungen halten Sie im Hinblick auf die Selbsthilfe in Zukunft für möglich?

Sascha Dinse: Künstliche-Intelligenz-gestützte Hilfsprogramme sind bereits im Stande, Lippenbewegungen zu erkennen. Damit kann beispielsweise Gesagtes kurzum in Untertitel umgewandelt werden – auch Übersetzungen in andere Sprachen sind möglich.

Anhand aktueller Entwicklungen kann ebenfalls davon ausgegangen werden, dass sich virtuelle Live-Kommunikation mittels Videotelefonie weiter durchsetzen wird. So finden momentan Versuche von Selbsthilfevereinen statt, kleinere Gruppen vor Ort mit virtuell zugeschalteten Teilnehmern*innen zu vereinen (sogenannte Hybrid-Meetings).

Auch die technischen Möglichkeiten der „Virtual Reality“ werden im Selbsthilfebereich bereits vereinzelt ausgetestet: So können Anwender*innen auch von Zuhause aus mit Virtual-Reality-Brillen einen virtuellen Gruppenraum beitreten.

Wie diese Beispiele erkennen lassen, ist ein Ende der technischen Entwicklungen für den Bereich der Selbsthilfe noch lange nicht in Sicht.

Herr Dinse, herzlichen Dank für das Interview!


Das Interview führte Elias Albrecht.


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